Teil 2: Such-Strategien und Prioritäten der jungen Leute

Parallel zu den Eltern (und Vorgesetzten) nehmen es die jungen Chinesen – angetrieben durch den gesellschaftlich-kulturellen Druck einschließlich dem der Eltern – natürlich auch selbst in die Hand, schnell und früh einen Partner fürs Leben zu finden, der ihren eigenen und den Ansprüchen der Eltern gerecht wird. Ein weniger zielgerichtetes Sich-Ausprobieren mit Flirts, ONS (One-Night-Stands) oder temporären Beziehungen kommt in den großen Städten zwar vor, auch mit steigender Tendenz, doch im Allgemeinen gilt es als Zeitverschwendung und wird als wenig pragmatisch angesehen.


Die immer noch sicherste und beliebteste Methode ist, sich im ehemaligen Schulfreundeskreis nach einem passenden Partner umzuschauen, denn dort ist das gegenseitige Vertrauen am größten. Schließlich konnte man sich über mehrere Jahre in vielen Situationen beobachten und kennenlernen in einer Zeit, als Geld und Status noch keine so große Rolle gespielt haben. Auch Blinddate-Empfehlungen durch ehemalige und vertrauenswürdige Schulfreunde sind eine gute Option.


Internet und Apps haben – vielleicht sogar noch mehr als im Rest der Welt – das moderne Leben in China voll im Griff und helfen bei der Partnersuche. Z.B. gibt es die App TanTan (auf Deutsch: Unterhalten), bei der man die Fotos potentieller Partner des anderen Geschlechts entweder nach links („unattraktiv“) oder nach rechts („kommt in Frage“) wischt. Haben beide nach rechts gewischt lässt die APP einen Chat zu. Hier spielt also vor allem das Aussehen eine Rolle. Deshalb werden die Fotos mit verschiedenen Fotobearbeitungs-Apps extrem manipuliert. Meist erzeugen diese Foto-Bearbeitungs-Apps übermäßig große Kulleraugen und lassen das Gesicht schlanker und die Haut jünger aussehen. Natürlich lässt sich auch das Alter mithilfe eines Suchfilters eingrenzen, was ebenfalls dazu führt, dass die Altersangaben selten verlässlich sind bzw. nicht ganz im Einklang zum Aussehen stehen.


Diese wie auch andere Dating Apps haben, insbesondere bei vielen Frauen, einen zweifelhaften Ruf, da sich dort auch viele verheiratete Männer auf der Suche nach außerehelichem Sex tummeln. Gleichzeitig halten sich dort aus demselben Grund junge Chinesinnen auf, die sich als sogenannte „Xiao San“ (kleine Drei) anbieten, was nichts anderes heißt, als sich für einen älteren Mann mit höherem Status, gleich einem sogenannten Sugar Daddy, auf eine längere Zeit hin in einer Art Beziehung zu prostituieren. Die Bezeichnung „Xiao San“ verweist darauf, dass diese junge Frau nicht selten auch mit Wissen und notgedrungen stillschweigender Toleranz durch die Ehefrau als dritte Person Teil der Ehe/Familie wird. Die „Xiao San“ gilt bei vielen chinesischen Männern eines gewissen Status’ zur Normalität, und es wird untereinander mehr oder weniger offen damit umgegangen. Die jungen attraktiven Frauen, die sich darauf einlassen und häufig nicht nur einen, sondern gleich mehrere Sugar Daddys haben, können damit schon in jungen Jahren ein Vermögen verdienen. Das kann dazu führen, dass sie mit 25 oder 30 Jahren, wenn sie dann ggf. auf Druck der Eltern heiraten müssen, bereits mehr Geld auf einem Konto gebunkert haben als ihr Mann in seinem ganzen Leben verdienen kann...


Der Ursprung dieses gesellschaftlichen Trends im modernen China geht zurück auf die Zeit der Dynastie, wo sich reiche Männer selbstverständlich Konkubinen leisteten, die auf diese Weise Zugang zu höheren gesellschaftlichen Schichten erhielten.


Da Chinesen in der Regel pragmatisch sind und die Romantik oftmals eine eher untergeordnete Rolle spielt, ist auch das Speed-Dating in China angekommen. Das läuft ähnlich ab wie in den westlichen Ländern: Eine gleiche Anzahl von beispielsweise 10 Männern und 10 Frauen treffen sich, und man unterhält sich 5 Minuten lang an Tischen sitzend. Danach wird rotiert, so dass jeder mit jedem 5 Minuten hat sprechen können. Im Anschluss daran geben sowohl Männer als auch Frauen anonymes Feedback, mit wem sie sich gern länger unterhalten würden. Stimmt dieser Wunsch bei Mann und Frau miteinander überein, bekommen sie Gelegenheit, sich in einer zweiten Runde länger zu unterhalten und Kontaktdaten auszutauschen.


In der Urfassung des Speed-Datings, das vor ca. 25 Jahren in einem jüdischen Viertel in New York erfunden wurde, ging es darum, die Effektivität des Kennenlernens zu erhöhen, um zu vermeiden, dass man einen kostbaren Samstagabend im Rahmen eines Blinddates mit jemandem „opfert“, bei dem schon nach 5 Minuten klar ist, dass er oder sie nicht ins eigene „Beuteschema“ passt. In der Urfassung ging es aber darum, das Filtern nach rein finanziellen Aspekten zu verhindern, und so war es deshalb tabu, über die folgenden drei Dinge zu sprechen: Auto, Beruf und Wohngegend.


In China hat man das Tabu allerdings umgedreht, um die Effektivität noch weiter zu erhöhen: So tragen die chinesischen Männer an der Brust bzw. an einem Umhänger/Anhänger, welches Auto sie fahren, ob und wo sie eine Wohnung haben und wie viel Geld sie verdienen.


Männer werden ohnehin auch gern in Form von Zahlen kategorisiert: 1 steht für treu (ein Herz), 2 = Bildung (mindestens zwei Sprachen), 3 = Wohnung (Boden, Wand und Decke), 4 = Auto (vier Räder). Wer also als Frau einen „1-2-3-4 Mann“ findet, kann sich glücklich schätzen.


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